IFS & Kunst

Songtext 'A Prayer Of My Own' von Nick Mulvey
Im Internal Family Systems (IFS) geht man davon aus, dass jeder Mensch verschiedene innere Anteile hat. Manche sind verletzlich, manche beschützen uns, manche reagieren mit Wut, Angst oder Rückzug. Das Ziel ist nicht, diese Anteile loszuwerden, sondern sie kennenzulernen, sie zu verstehen und mit Mitgefühl in die eigene Persönlichkeit zu integrieren.
Wenn auch nicht bewusst so geschrieben, zeigt der Song 'A Prayer of My Own' eine sehr ähnliche Haltung. Besonders deutlich wird das in der Zeile "the beast has a face". Das "Biest" kann als ein schwieriger innerer Anteil verstanden werden, etwa Wut, Angst oder Scham. Sobald wir einem Anteil ein "Gesicht" geben, erkennen wir ihn als Teil von uns an, statt ihn nur als Problem zu bekämpfen. Die nächste Zeile "with a grimace and such grace" beschreibt diesen Anteil erstaunlich liebevoll. Er wirkt bedrohlich ("grimace"), trägt aber gleichzeitig Würde oder Schönheit ("grace") in sich.
Besonders berührend finde ich den Refrain gegen Ende:
"Get to know that beast within. Give him love and bring him in. No, not an enemy, but a friend." Anteile sollen nicht verdrängt oder bekämpft werden. Stattdessen werden sie neugierig kennengelernt, mit Mitgefühl behandelt und wieder in das innere System aufgenommen. Aus einem vermeintlichen Feind wird ein Verbündeter.
Bildquelle: https://www.oxmag.co.uk/articles/review-new-mythology-nick-mulvey/
Anteile im Yin & Yang am Beispiel des peruanischen Künstlers Sergio Rey Sun Han - Llamas Gemelas

Im Internal Family Systems (IFS) gibt es die Vorstellung, dass jeder Mensch aus vielen inneren Anteilen besteht. Manche wirken eher hell, liebevoll und offen, andere tragen Angst, Wut oder Scham. Das Ziel ist nicht, einen Teil zu überwinden oder loszuwerden, sondern alle Anteile als Teil eines größeren Ganzen anzuerkennen.
Das Yin-Yang-Symbol ist ein uralter Ausdruck dieser Haltung. Die beiden Hälften stehen nicht im Kampf miteinander. Sie bilden gemeinsam einen Kreis und sind nur zusammen vollständig. Jede Seite trägt den Keim der anderen in sich. Das erinnert uns daran, dass Gegensätze in uns nicht getrennt existieren, sondern miteinander verbunden sind. Hinter einem kontrollierenden Anteil steckt oft ein verletzlicher Anteil, hinter Wut oft Angst, hinter Rückzug oft der Wunsch nach Verbundenheit.
Die beiden „Llamas Gemelas" können deshalb auch als zwei innere Anteile verstanden werden, die zunächst gegensätzlich erscheinen, sich aber gegenseitig ergänzen. Heilung entsteht nicht dadurch, zwischen „gut" und „schlecht" zu unterscheiden, sondern neugierig zu fragen, welche Aufgabe jeder Anteil erfüllt. Innere Gegensätze werden nicht aufgelöst, sondern in Beziehung gebracht. Gerade diese Verbindung macht Ganzheit möglich.

Veronikas inneres Wechselspiel in Paulo Coelhos Roman "Veronika beschließt zu sterben"
Zu Beginn des Romans scheint Veronika fast ausschließlich aus einem angepassten, kontrollierenden Anteil heraus zu leben. Sie erfüllt gesellschaftliche Erwartungen, funktioniert und vermeidet Risiken. Nach außen wirkt ihr Leben in Ordnung, innerlich empfindet sie jedoch Leere und Sinnlosigkeit. Auch wenn dieser Teil dem Leser im ersten Moment als schädlich oder schlecht erscheint, erfüllt er eine wichtige Funktion in Veronikas System. Er bewahrte Veronika lange davor, dem Schmerz und der Ablehnung ausgesetzt zu sein, die es mit sich bringt, sich gegen gesellschaftliche oder elterliche Erwartungen zu stellen.
Veronikas Wunsch zu sterben kann aus IFS-Sicht als Ausdruck eines Systems verstanden werden, dessen Anteile keinen anderen Ausweg mehr sehen. Es geht dabei nicht um einen „bösen" oder „kranken" Anteil, sondern um den verzweifelten Versuch, unerträgliches inneres Leiden zu beenden. Während ihres Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik begegnet Veronika nach und nach verschiedenen Seiten ihrer Persönlichkeit. Sie erlebt Wut, Angst, Lebensfreude, Neugier, Liebe und Kreativität. Eigenschaften, die lange unterdrückt waren, bekommen Raum. Man könnte sagen: Immer mehr Anteile dürfen sichtbar werden, anstatt von einem kontrollierenden Anteil in Schach gehalten zu werden (wieder: auch dieser Anteil hat seine Berechtigung!).
Veronikas Entwicklung besteht nicht darin, den kontrollierenden Anteil zu überwinden, sondern darin, dass dieser seine Führungsrolle abgeben kann. Er muss nicht verschwinden, sondern darf erkennen, dass er die Verantwortung nicht mehr allein tragen muss. Dadurch entsteht Raum für andere Anteile: für Neugier, Spontaneität, Kreativität und Verbundenheit.
Bildquelle: https://www.diogenes.ch/leser/titel/paulo-coelho/veronika-beschliesst-zu-sterben-9783257261363.html?srsltid=AfmBOorjzhOXaSlXZdrhUIq36Ncs-w6i5egb5ojgyj9Xgy3hw0LgQUzd